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Betreff: Aufruf für die Kirche und für die Welt an Katholiken und alle Menschen guten Willens sowie die Rede von der Pandemie als Strafe Gottes

Liebe Schwestern und Brüder!
Gottes Segen in der Osterzeit inmitten belastender, unerträglicher Wochen.
Aus aktuellem Anlass möchte ich hier eine Klarstellung veröffentlichen.
Zum überall zugänglichen „Aufruf für die Kirche und für die Welt an Katholiken und alle Menschen guten Willens“, unterschrieben auch von namhaften Kardinälen, möchte ich zunächst sehr persönlich werden: Der Wegnahme folgt die Liebe immer; so überschrieb der Jesuitenpater Michael Schneider seinen Nachruf auf den Kölner Professor Wilhelm Nyssen.
Vom Heiligen Bonaventura stammt der Satz: „Ablationem sequitur amor semper – Der Wegnahme folgt die Liebe immer.“ Ablatio – Wegnahme – und amor – Liebe – sind die zentralen Bilder der Passionszeit.
Verzehrt vom Feuer der Liebe zum Bild, das er in sich trägt, muss ein Wort- und Bildhauer wie Ernst Barlach entfernen, wegnehmen, um aus einem vorläufigen Wort- oder Steinblock das end-gültige Bild herauszumeißeln. In der Wegnahme, nicht im Hinzufügen vollzieht sich die Wandlung des Wortklotzes bzw. des Skulptursteins in das Bild. Skulpturen entstehen durch Ablatio; die ursprünglich differenzierte Bedeutung – eine Skulptur entsteht durch Hauen und Schnitzen, eine Plastik dagegen durch Auftragen von Material und Modellieren – ist heute leider nur noch selten im Sprachgebrauch anzutreffen.
„40 Tage ohne“ überschreiben die Kirchen die Fastenzeit vor Ostern.
In jeder Passionszeit sind die Hungertücher bekannt, die vor Kreuze und Bilder gehängt und oft reich verziert wurden, damit zu Ostern alle Sinne nach diesem Entzug neu geschärft sein mögen.
Der Wegnahme folgt die Liebe immer – was niemand geahnt hat, dass jetzt wirklich die ganze Welt ausnahmslos und religionsübergreifend weit über Ostern hinaus eine Fasten- und Passionszeit durchlebt und durchleidet, zurückgeworfen auf das Private, dem öffentlichen Leben und „wilden Treiben“ pflichtmäßig entsagend, nicht enden wollende Fast- und Abstinenztage im wahrsten Sinne des Wortes. Tage wie ein immerwährender Karfreitag – still und klar.

Ich bin Seelsorger, geboren am 11. Januar 1971 in Kiel als viertes Kind meiner Eltern Friedrich (Kapitän auf Fehmarn) und Bärbel-Anastasia (Lehrerin, als Fünfjährige aus Hamburg nach Fehmarn geflohen in der „Operation Gomorrha“), getauft am 2. Mai 1971 durch den heute 85-jährigen Pfarrer Wilm Sanders, zur Erstkommunion in Sankt Bonifatius gegangen am 18. Mai 1980 bei Pfarrer Eberhard Guttmann, Küster und PGR-Mitglied in Kronshagen dank vorbildlicher seelsorglicher Dienste der engagierten Frauen und Familien Golawski (Gudrun Golawski war bis 1996 Pfarrsekretärin in Sankt Bonifatius, aber eigentlich auch Gemeindereferentin), Mackowiak (Familie Mackowiak war Betreuerfamilie im Bonifatiushaus) und Wallenburg (Ursula Wallenburg war PGR-Vorsitzende und Leiterin des Liobakreises), durch konkrete Ansprache der Pfarrer Eberhard Guttmann und Heinz-Joachim Justus zum Diakon geweiht am 23. März 1996 in Kiel-Sankt Nikolaus (die Stola überreichte mir damals Pfarrer Josef von de Berg) und zum Priester geweiht am 10. Mai 1997 im Hamburger Mariendom gemeinsam mit Knud Schmidt, der heute glücklicher Familienvater und Bürgermeisterkandidat seiner neuen Heimatstadt Versmold ist; nur zwei Neugeweihte im Jahr 1997, von denen einer durchgehalten hat – ein verheerender, aber bis heute gleich gebliebener Schnitt für das flächengrößte deutsche Bistum Hamburg, während jährlich ca. zehn bis fünfzehn Mitbrüder sterben oder aus anderen Gründen ihr Amt aufgeben (pro Jahr minus 15 versus plus 1). Meine Jugendfreundin ist vor meiner Priesterweihe als Ärztin in die USA gegangen und hat dort inzwischen ein bezauberndes Zwillingspaar adoptiert. Der Verzicht auf die Ehe und eigene Familie ist für mich jeden Tag von neuem unerträglich, aber im Sinne der Gottes- und Nächstenliebe einigermaßen gesund zu kompensieren. Meine Berufung führte mich nach Rostock (Kaplan in der Christuskirche bei Pfarrer Horst Eberlein), Eutin (Kaplan bei Pfarrer Heinrich Hülsmann), Ratzeburg (Pfarrer auch für Mölln), Neubrandenburg (Pfarrer des halben Landkreises Mecklenburgische Seenplatte, wo ich bereits 1996 als Diakon bei Pfarrer Winfried Schiemann gewesen war und wohin Weihbischof Norbert Werbs nach seinem 75. Geburtstag in Rente zog) und schließlich Billstedt. Hier im Hamburger Osten leite ich nicht nur die katholische Pfarrei auf der Billeinsel, sondern verantworte auch die Fusion der drei Pfarreien in Billstedt, Tonndorf und Wandsbek zu einer neuen Großpfarrei – im Erzbistum Hamburg wird es ja durch solche Fusionen (bisweilen der Landkreisreform ähnlich) bald nur noch 28 Pfarreien geben, was dem Priestermangel geschuldet ist. Mich erfüllen diejenigen Aufgaben als Hirte einer Kirchengemeinde, die mit psychosomatisch-sozialer Zuwendung zu tun haben: Erlösung durch Berührung. Jedes Sakrament lebt von Berührung; Jesus hat uns ja erst durch Berührungen erlöst von Sünde und Tod. Gottesdienste leben vom Gesang und Zuneigung. Handauflegungen wecken Heilungskräfte. Mimik und Gestik der Heranwachsenden in unserem katholischen Kindergarten und in unserer Sankt-Paulus-Schule neben dem Pfarrhaus zaubern jedem Erzieher, Lehrer und auch mir ein Lächeln hervor.

Erstkommunionen im Mai stärken unser Gemeindeleben, und die Gabe der Eucharistie taucht alles in ein neues, österliches Licht. Welch ein Schmerz, in diesen zentralen Erfahrungen geistlichen Lebens „auf Entzug“ sein zu müssen! Mich zerreißt es innerlich, hinter Masken einer neuen Form von Prüderie zu frönen, auch wenn all dies der Gesundheit dienen mag. Seelsorge auf Abstand, geistliche Zuwendung in 1,5 Metern Entfernung, Kommunionspendung mit Mundschutz und Handschuhen, statt Handauflegung virtuelle Segensspendung via Livestream, Friedensgruß auf indische Weise mit Verneigung, Sterbebegleitung und Beisetzungen mit einer Handvoll Auserlesener – all diese Beschränkungen machen mich fast krank und sind das krasse Gegenteil von dem, wie Jesus vor 2000 Jahren Erlösung predigte und vorlebte – auch auf der Hochzeit in Kana in Galiläa. Nein, das kann ich alles nicht schönreden, sondern ich leide darunter – auch unter den täglichen Leidensgeschichten (viele am Telefon), weil etliche meiner Zeitgenossen vor einem Scherbenhaufen ihrer Existenz stehen, weil sie auf Besucher und Einnahmen angewiesen sind; viele haben sich auf Urlaub und Erholung zu Ostern gefreut; viele müssen in den verlängerten Schulferien Mammutaufgaben der Betreuung bewältigen; viele sind voller Angst und Sorgen. Meine einzige Hoffnung: Der Wegnahme folgt die Liebe immer.-

Vor diesem Hintergrund könnte ich den „Aufruf“ niemals unterschreiben, weil er erstens die Opferrolle umkehrt; nicht wir als Kirche sollten Unterschriften für uns sammeln, sondern uns lieber um all die sorgen, die – wie mein Bruder als Friseur, zumal nach dem Tod seiner 13-jährigen Tochter Judith vor fünf Jahren – vor einem Scherbenhaufen ihrer Existenz stehen. Ich mochte es noch nie, wenn Kirche Selbstbeschäftigung betreibt.
Zweitens stecken Verschwörungstheorien in diesem Aufruf; ich habe aber bei den Jesuiten die „Geschwisterlichkeit“ zwischen Glaube und Vernunft gelernt: Nichts kann geglaubt werden, was der Vernunft widerspricht; vielmehr ist das geglaubte Unvernünftige als Aberglaube zu entlarven. Als Lehrer bemühe ich mich aufrichtig darum, Hilfe zur Selbsthilfe zu leisten, damit Heranwachsende sich ihrer eigenen, gut gebildeten Vernunft annehmen – ich bin es jedem dieser Schüler schuldig, kein einziges dummes Wort ungeprüft von mir zu geben! Dass selbst Kardinäle nicht davor zurückschrecken, dummes Zeug zu unterschreiben, lässt diese in meinem Ansehen gehörig schrumpfen. Und drittens haben wir als Kirche genügend Leid über andere gebracht, auch durch sexualisierte Gewalt, durch geistlichen Missbrauch (meine Mutter litt lange unter „ekklesiogenen Neurosen“, weil ihr als Mädchen durch katholische Kirche Angst-, Schuld-, Scham- und Mindergefühle eingejagt wurden); wer im Glashaus sitzt…

Schließlich möchte ich denen entgegentreten, die derzeit von einer „Strafe Gottes“ reden. In der Tat mangelt es an philosophischen und theologischen Deutungen dieser Krise, zumal sie ja einer bis ins Unerträgliche verlängerten Passionszeit gleicht, von der keiner weiß, wann es endlich Ostern sein wird.
Vor der Coronakrise haben wir endlich den Begriff des geistlichen Missbrauchs für alle Angst-, Schuld-, Scham- und Mindergefühle sowie ekklesiogenen Neurosen geprägt, die durch das leichtfertige Gerede eines angeblich zornigen Gottes in den Seelen der „Schafe“ angerichtet wurden. Christliche Erlösung besteht darin, dass uns Jesus befreit hat von allen ambivalenten Gottesbildern nach dem Motto, dass Gott einerseits die Frommen lieben und einst in den Himmel schicken, den Sündern hingegen andererseits zürnen und ihnen die Hölle androhen würde. „Gott ist die Liebe, und in der Liebe gibt es keine Furcht; denn Furcht rechnet mit Strafe.“ So lautet deswegen auch die Summe christlichen Glaubens im ersten Johannesbrief.
Jesus hat im Umgang mit allen Sündern vorgelebt, dass sich ein möglicher Zorn Gottes (wie in der Tempelreinigung) niemals gegen den Sünder richtet, der von Gottes Liebe ganzheitlich umfangen ist, sondern mit dem geliebten Gotteskind gemeinsam gegen die Sünde (als Tat); deshalb kehrt Jesus auch im Haus des Zachäus ein, richtet die Ehebrecherin auf, umarmt den heimgekehrten „verlorenen Sohn“. Es gibt keine zwei Seiten Gottes; es gibt in der Nachfolge Jesu den Gott bedingungsloser, vorleistungsfreier Liebe, in dem das Weltall geborgen ist und der um unser aller Glaube, Hoffnung und Liebe wirbt – mit aller Glut seines Herzens, jeden Sünder achtend, jede Sünde als Lieblosigkeit hingegen ächtend.
Noch einmal: Dieser Liebesgott, der nach Zefania 3, 14-17, morgens aus Liebe zu mir am Bett zu tanzen beginnt, kennt keinen Zorn gegen seine geliebten Geschöpfe, sondern gegen die Sünden als irregeleitete Taten!
Daher ist eine Pandemie weiß Gott keine Strafe Gottes, sondern dieser in uns verliebte Gott leidet (am Ölberg und am Kreuz) mit uns leidgeplagten Geschöpfen mit (griechisch übersetzt „sympathischer Gott“) und tröstet uns – wie Paul Gerhardt mitten im Dreißigjährigen Krieg nach Beerdigung seiner Ehefrau und vier seiner fünf Kinder dichten konnte:
„Nichts, nichts hat Dich getrieben
vom hohen Himmelszelt
als das geliebte Lieben,
damit Du alle Welt
in ihren tausend Plagen
und großen Jammerlast,
die kein Mund kann aussagen,
so fest umfangen hast.“

Gottes Trost Ihnen allen wünscht von Herzen

Pfarrer Felix Evers


Pfarrei St. Paulus
Öjendorfer Weg 10
22111 Hamburg

Tel.: 040 – 731 38 35